Komplizierte Strickmuster, tiefer Morast und schlaue Sprüche…

Das Leben gleicht nicht immer einem einfachen Strickmuster. Schon gar nicht wenn es mit einer Vorlage aus komplizierten Doppelzopf gepaart mit Norwegermuster daherkommt. Nicht, dass ich vom Stricken viel Ahnung hätte – meine Stücke in der Schulzeit hat mir meine Mama hergestellt. Dafür bin ich ihr noch heute dankbar, denn für mich war der Handarbeitsunterricht die reinste Qual.

Aber wenn sich etwas als kompliziert oder scheinbar unlösbar darstellt, werden wir erfinderisch.

Okay, die Lösung diese Strickteile meiner Mutter umzuhängen, war nicht besonders einfallsreich, aber damals trotzdem eine Option.

Nun gibt es im Laufe des Lebens jedoch noch härtere Situationen, welche uns begegnen. Da ist eine schräge Werklehrerin harmlos – auch wenn sie noch so gruselig ist.

Ich meine diese Episoden, in denen wir uns so richtig am Boden fühlen.

An denen wir das Gefühl haben wir stehen bis zu den Knien im Morast des Lebens und kommen nicht weiter. Der Tellerrand erscheint uns viel zu hoch, um jemals wieder drüber blicken zu können. Ja, die gibt es. Ich kenne solche Abschnitte sehr gut, denn ich durchschritt sie selbst und durfte dies auch beim Begleiten meiner KlientInnen miterleben.

Es lohnt sich durchzuhalten, sich aus diesem tiefen Sumpf rauszuarbeiten und irgendwann erreicht man dann doch wieder diesen Tellerrand. Der Ausblick ist dann grandios.

In solchen Situationen bedarf es gnadenloser Ehrlichkeit und auch Geduld. Beschönigen und darüber streicheln ist zwecklos. Dabei muss ich mich anschauen. Dann dürfen wir den Schmerz spüren und zulassen. Das sind Momente ohne Masken. Diese nützen nichts, sie sind wertlos, auch wenn sie noch so schön und liebgewonnen sind. Da funktionieren diverse Sätze aus irgendeinem schlauen Esoterikschinken nicht.

Auch wenn einfache Antworten überall herumschwirren, wirken sie nur wie eine Sedierung.

Denn das sind darüber gestülpte Phrasen – einfach leere Hülsen. So eine Floskel anzuwenden oder darauf das Lebenskonzept aufzubauen, mag im näheren Umfeld klug und überlegen daherkommen. Jedoch wenn wir in einer tieferen Krise stecken, sind das nur Schminkutensilien zum Überpinseln und Beschönigen. Von Weiterentwicklung oder dem Verlassen der Komfortzone zu sprechen ist ja ganz nett – so etwas in dieser Art hören wir oft. Doch es wirklich anzupacken ist eine andere Geschichte. Gehe deinen Weg und lebe deinen Traum – ja, auch ein schöner Spruch. Kurzfristig können Phrasen schon beim Zusammenzimmern einer „schönen“ Welt helfen. Doch irgendwann spüren wir, dass dies nicht viel mit uns zu tun hat. Es ist wie Selbstbetrug.

Wenn wir uns dann wirklich stellen müssen, um unseren Weg zu folgen, ist dann so eine schlaue Floskel noch immer ein Wegweiser?

Was ist, wenn dieser Pfad dann vielleicht nicht der Vorstellung unserer Gesellschaft entspricht?

Wenn dabei nicht nur an der Oberfläche mit ein bisschen Lippenstift und Nagellack drüber geschmiert werden kann? Sondern wir dabei für uns ein ehrliches Lebenskonzept finden und entwerfen müssen?

Was ist, wenn das nicht der Vorstellung von Hinz und Kunz entspricht?

Wer steht dann noch an unserer Seite?

Müssen wir nicht immer selbst entscheiden?

Haben die Sprücheklopfer dann einen anderen Spruch parat?

Wie etwa: „Lebe im Einklang mit dir…“?

So nach dem Motto: „Ist doch nicht so schwer – also mach es!“

Naja, ab und zu, und genau dann, wenn wir im Matsch stehen, hilft uns das wenig.

Denn da müssen wir uns erstmal zurechtfinden. Dann können wir uns ein Stück mehr annehmen. Aber wir sind trotzdem nicht davor gefeit, dass sich wieder ein neues Gatschloch auftut. Wir lernen nie aus. Deswegen können diese, zwar gutgemeinten, Sprüche von außen oftmals sogar verletzen. Denn es gibt kein Patentrezept, nicht mal eine Strickvorlage!

Manchmal fühlen wir uns mit diesen Phrasen von „oben herab“ noch hilfloser.

Diese Allwissenheit, welche mitschwingt kann ziemlich arrogant sein.

Auch der schillerndste „Oberguru“ ist nur ein Mensch.

Oft stellen wir ernüchternd fest, dass im Endeffekt eine ziemlich gewinnbringende Maschinerie, hinter diesen „Lichtgestalten“ steckt.

Spätestens dann begreifen wir, dass wir uns selbst raus arbeiten müssen aus dem Morast.

Das kann niemand für uns regeln.

Diese Arbeit können wir nicht abgeben, so wie ich damals die Wolle und die Stricknadeln.

Und das ist gut so. Wir können uns sicher sein, dass dieser Prozess auch heilend ist. Wir lernen uns kennen. Auch wenn uns nicht alles an uns gefällt, aber so können wir an uns arbeiten. Da dürfen wir uns ungeschönt angucken und Entscheidungen treffen.

Wir können uns jemanden suchen, der uns begleiten.

Egal ob es sich dabei um eine professionelle, therapeutische Hilfe handelt oder einfach jemanden der uns nahesteht. Diese Leute begleiten uns. Und diese Hilfestellung ist enorm wertvoll! Allerdings unseren Weg, unsere Richtung und unsere Entscheidungen müssen wir treffen.

Wir ganz alleine! Mit der richtigen Unterstützung erlangen wir vielleicht schneller Klarheit.

Jedoch jeder hat sein eigenes Tempo. Wir haben alle unsere ungelösten Geschichten, die wir in uns schon ewig mitschleppen. Die darauf warten befreit zu werden.

Natürlich können Ratschläge und Floskeln zum Nachdenken anregen, aber oft sind das nur Ansätze.

Deswegen ist es auch für begleitende, nahestehende Menschen schwierig, so eine Situation auszuhalten. Schnell ein Spruch und alles ist gut, funktioniert nämlich meistens nicht. Einem Menschen beizustehen, zuzuhören und einfach da zu sein, ist nicht immer einfach. Wir leiden mit und fühlen uns hilflos – das ist anstrengend. Und in unserer schönen Glitzerwelt, in der Zeit sowieso Mangelware ist und alles Spaß machen muss, umso mehr.

Meine Lebenseinstellung ist grundsätzlich positiv und ich blicke meist nach vorne.

Natürlich möchte ich auch Menschen damit erreichen, helfen und motivieren.

Allerdings gibt es diese schwindligen Tiefen, in denen es eben nicht so einfach funktioniert.

Stecken wir in so einer Phase, wünschen wir uns einfach Verständnis und auch Gespräche.

Mit einem schnellen Spruch aus der „Lebensecke“ funktioniert das nicht.

Zack eine hohle Floskel daher geplappert und lalalala alles verschwindet. Das kommt dann so daher wie: Nimm dir das doch zu Herzen und alles ist gut. Wenn nicht, bist du selber schuld!

Ich vergleiche diese Phasen im Leben mit einer Geburt.

Natürlich hat der Vater seinen Teil dazu beigetragen. Außerdem ist es schön, wenn er bei der Geburt anwesend ist und uns begleitet. Allerdings muss ich als Mutter alleine bis an meine Grenzen gehen und den Geburtsschmerz aushalten. Da hilft mir kein Arzt und keine Hebamme. Deren Ratschläge können gut sein und Erleichterung bringen, aber nicht immer. Denn was einer Mutter guttut, kann bei der anderen das Gegenteil bewirken. In dieser Situation gibt es nur meine Wahrnehmung, meinen Instinkt und mein Vertrauen in das Leben. Dieser Prozess ist bei jeder Mutter anders. Wird von jeder Frau verschieden empfunden und auch die Dauer dieser Erfahrung ist unterschiedlich.

Aber eines ist gewiss: Wenn dieser Schmerz durchwandert ist – dann wächst etwas Neues, wundervolles heran…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.