Schneckenhaus-Syndrom

Nach meiner letzten Lesung sagte mir eine Zuhörerin, sie wäre gerne so extrovertiert wie ich.

Diese Aussage hat mich etwas irritiert, denn ich halte mich für introvertiert und wäre in manchen Situationen sehr froh extrovertierter zu sein.

Beispielsweise habe ich eine Freundin, die sehr schnell Kontakte knüpfen kann und sofort mit Menschen ins Gespräch kommt. 

Dafür bewundere ich sie. 

Sie kann recht flott mit jedem über Gott und die Welt philosophieren. 

Dies funktioniert bei mir leider nicht. Meist verlaufe ich mich, bei einem Gespräch in meinen Gehirngängen und versuche dabei einen geeigneten Text zu finden.  

Deshalb wollte ich dieser Thematik auf den Grund gehen, auch um mich dadurch selbst etwas zu hinterfragen.

 

Zu dieser Selbstanalyse habe ich dann im Netz gestöbert. 

Dabei bin ich unter anderem auf diese Seite gestoßen:

INTROVERTIERT.ORG 92 Eigenschaften von Introvertierten

https://www.introvertiert.org/92-eigenschaften-von-introvertierten

Ich weise dabei nicht alle Eigenschaften auf, aber doch sehr, sehr viele.

Wie hier beschrieben, bin ich ein aufmerksamer Beobachter. Außerdem reagiere ich sehr sensibel auf Stimmungen. 

Smalltalk mag ich nicht besonders gerne, deshalb bin ich auch ziemlich talentfrei in diesem Bereich. Ich habe immer gerne einen Plan und traue mich von mir zu behaupten zuverlässig zu sein. Wenn ich mich gut akklimatisiert habe und in meiner Umgebung sicher fühle, kann ich sehr wohl aus mir „raus gehen“. Dann bin ich unterhaltsam und ungebremst. 

Bei meinen Auftritten und Lesungen klappt es recht gut, da bin ich einfach „ich“ und das gibt mir Sicherheit. 

Es geht um mein Werk, mein Leben, meine Gedanken – da kenn ich mich doch recht gut aus… 😉 

Bei Veranstaltungen, die ich aus Verpflichtung besuche, dabei vielleicht nur den Gastgeber kenne, bin ich dagegen oftmals verunsichert. 

Das dürfte eben an meinem Smalltalk-Defizit liegen. 

Beim Schließen von Freundschaften bin ich eher vorsichtig. Dazu brauche ich Vertrauen und Tiefgang. Oberflächliche Beziehungen mag ich nicht. 

Mein Freundeskreis ist klein, beruht aber auf einer tiefen Verbindung. 

Das sind Menschen, auf die ich mich verlassen kann. 

In meinem Leben gibt es Leute, die ich schon ewig kenne und trotzdem kommen Gespräche nur schwer zum Fließen. Da bin ich anscheinend nicht „Typ kompatibel“. Irgendwo eckt sich da etwas in mir. Hingegen gibt es aber Menschen, bei denen sofort eine gewisse Verbindung besteht und ich ungehemmt, vom ersten Augenblick an, stundenlang durchquatschen könnte. 

Das passiert mir tatsächlich hin und wieder. 

Mit diesen Personen verbindet mich dann meist auch eine längere Freundschaft oder Beziehung.

Ich ziehe mich auch gerne zurück und brauche Zeit für mich, dann vergrabe ich mich in meinen eigenen vier Wänden um aufzutanken.

Wie gehe ich mit diesen Verhaltensweisen um?

Außerdem leben wir in einer Zeit, in der Extrovertierte in unserer lauten Gesellschaft eindeutig im Vorteil sind.

Ja, wie oben erwähnt wäre ich manchmal gerne etwas mehr wie meine Freundin. 

Dann könnte ich locker, leicht und fröhlich Kontakte knüpfen. 

Würde mich bei rauschenden Festen stundenlang wohlfühlen, oder in überfüllten Geschäften mit Freude shoppen bis zum Umfallen. 

Doch das liegt mir nicht, obwohl ich in jungen Jahren hart daran gearbeitet habe, um den gängigen Gesellschaftsmustern zu entsprechen. Gewiss, man kann einiges lernen und dadurch Sicherheit gewinnen, aber die Grundtendenz bleibt erhalten.

Manchmal wäre ich wirklich gerne etwas spontaner oder schlagfertiger. 

Jedoch wird man mit den Jahren gelassener und nachsichtiger – auch mit sich selber.

Und daher bin ich nun ganz zufrieden mit mir und meiner Introvertiertheit. 

Dies gehört eben zu mir und wenn ich den oben erwähnten Bericht durchlese, muss ich sagen da sind durchaus angenehme Eigenschaften dabei… 😉

 

Mehr Alltagsgeschichten gibt es in meinem Buch: „Mann, bist du gut, Frau!“.  Zu bestellen um € 19,90 unter: marlies@herbsthofer.com, Zustellung frei Haus!

 

4 Gedanken zu „Schneckenhaus-Syndrom

  1. Liebe MahLies, in jungen Jahren hab ich mir auch oft gedacht was mit mir nicht stimmt und je mehr ich mich mit der Introversion beschäftigt hab, desto besser hab ich mich selbst verstanden. Mit uns Hypersensiblen ist alles in bester Ordnung, wenn wir uns rechtzeitig innere und äußere Erholungsräume schaffen, damit wir unsere Energie aufladen können. Wir nehmen Menschen und unsere Umgebung einfach intensiver wahr und brauchen länger, um diese Reize zu bearbeiten. Und in diesen wenigen, aber dafür tiefen Verbindungen die wir eingehen, können wir, ohne uns irgendwie rechtfertigen zu müssen, ganz so sein wie wir sind. Es gibt auch ein tolles Buch zu dem Thema von Susan Cain: „Still: Die Kraft der Introvertierten“. Alles Liebe, Karo ♥

    1. Liebe Karo, DANKE für diese schönen Zeilen und den Buchtipp…:-)!
      Jeder ist wie er ist – und das ist schön…
      Liebe Grüße

  2. Mir geht es fast gleich wie dir. Danke, dass du so etwas zur Sprache bringst. Ich wünschte mir, offener und gelassener sein zu können. Viele Dinge wie andere mit einem leichten Achselzucken zur Kenntnis zu nehmen oder gleich gar nicht zu bemerken 😉 Das Leben wäre einfacher. Andererseits fokussiere ich mich so auf das für mich Wichtige und Relevante. Mein Leben ist nicht besonders multitasking. Ich muss nicht überall dabei sein, und nicht alles wissen. Das vereinfacht vieles 🙂

    1. Danke, liebe Marianne! Ich finde es immer schön wenn ich merke, dass auch andere Menschen ähnlich ticken wie ich. Da mir das Schreiben eben leichter fällt, als das Sprechen, versuche ich so (meine Art) an Menschen zu gelangen. Und je mehr Jahre in die Lande ziehen umso besser kann ich mit gewissen Eigenschaften, die mir anhaften, umgehen. Das möchte ich gerne weitergeben. Wir sind alle individuell und unterschiedlich – das macht uns aus und die Welt bunt! Liebe Grüße 🙂

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